Direkt zum Hauptbereich

Posts

Posts für die Suchanfrage "feuilleton" werden angezeigt.

Fünf Buchstaben

Fot. EP Es sind f ü nf Buchstaben, die zum Zittern bringen. Auf Deutsch, Polnisch, Russisch und Ukrainisch bilden sie ein schreckliches Wort – Krieg, wojna, vojna, vijna. Ein Wort, dass in Europa immer abstrakter klang. Wir hoerten es im Radio oder Fernsehen, manche lasen es in den Buechern oder auf den Smartphones. Aber zu Hause? Nein, nie. Bis es ploetzlich an unsere T ü r klopfte. Pater Joseph Maria Bocheński, einst Rektor der Fribourger Universtitaet, aergerte sich ueber ein anderes Wort – Pazifismus. Der ehemalige polnische Kavallerist, gleichzeitig Dominikaner und Philosoph war fuer seine kontroversen Bemerkungen bekannt. „Die Pazifisten sind fuer die Kriege verantwortlich. Sie ruesten die friedlichen Staaten ab, und in den kriegerischen duerfen sie ihre Ideen nicht verbreiten“ – hoerte ich 1994 von ihm erstaunt. Tausend Kilometer weiter im Osten verzichtete gerade ein Land auf sein Atomarsenal und bekam im Gegenzug ein Dokument. Das Budapester Memorandum, unterz...

Die Heldin von Danzig

Fot. EP    Der deutsche Filmregisseur Volker Schlöndorff hörte vor ein paar Jahren von Anna Walentynowicz und beschloss, auf der Grundlage ihrer turbulenten Biografie einen Film zu drehen. Gekonnt hat er in seinem neuesten Werk «Strajk - Die Heldin von Danzig» ihren entschlossenen Kampf gegen die kommunistischen Unterdrücker dargestellt. Er hat wohl aber nicht damit gerechnet, dass die kleine Frau mit derselben Kompromisslosigkeit und Prinzipientreue nun gegen seine Vision der polnischen Geschichte kämpfen könnte.    Ihr ganzes Leben hat sich die Kranfahrerin aus der Lenin-Werft für die Gerechtigkeit eingesetzt. Wegen ihrer Entlassung im Jahre 1980 brach der Streik in Danzig aus. Er war der erste Stein in der Lawine namens «Solidarnosc», die das Regime zu Bruch gehen liess. Nun protestiert Anna Walentynowicz heftig dagegen, dass im Spielfilm ihr Lebenslauf und die Entstehungskulissen der ersten unabhängigen Gewerkschaft Osteuropas manipuliert werden. De...

Ortsnamen

  Eine Glosse aus der Zeit, als die Grenzen in Europa noch nicht ge ä ndert wurden... Fot. Maria Graczyk   In den letzten Jahren hat der Name dieses Ortes für mich immer harmloser zu klingen begonnen. Seit ein paar Wochen assoziiere ich ihn sogar mit Palmen, netten Menschen und Sonne. Ist das der «Vergangenheitsbewältigung» oder dem Tourismus zu verdanken? Die Krimtataren nannten ihn Dschalita, vom griechischen «Jalos», Ufer. Dann, Ende des 18. Jahrhunderts, kamen die Russen, und sie bauten die aus dreizehn Häusern bestehende Siedlung in ein schönes Städtchen aus. Es erhielt den Namen Jalta.  Für die Russen wurde die Ortschaft zum aparten Kurort, und für uns Polen, Tschechen, Ungarn wie für die anderen Völker hinter dem Eisernen Vorhang - zum Symbol des Verrats. In meiner Schulzeit war Stalin in Polen schon passé, Roosevelt hingegen ganz in Ordnung. Nach dem Präsidenten der feindlichen, weil imperialistischen Vereinigten Staaten war in Poznan (Posen), m...

Generation Papst

Vor 11 Jahren ist der "polnische" Papst Johannes Paul II gestorben. Hier eine Glosse, die damals in der NZZ erschienen ist.  Fot. Dzielo.pl  In der Schule wurde ich an jenem Tag mit den Leistungen Lenins und seiner Revolution bekannt gemacht. Auf dem Weg nach Hause habe ich Kastanien gesammelt. Die Menschen, die an mir vorbeigingen, hatten glückliche Gesichter. Alles andere als fröhlich war aber die Miene des Ansagers im Fernsehen, als er in den Abendnachrichten über die Wahl eines neuen Papstes informiert hat. Des polnischen Papstes! Es war der 16. Oktober 1978.    «Wie viele Divisionen hat der Papst?», fragte Stalin einst spöttisch. Die Ära Johannes Pauls II. zeigte die Kraft der päpstlichen «Truppen», die ohne Waffen die Welt verändert haben. «Möge der Heilige Geist herabsteigen und das Gesicht dieses Landes verändern», erbat der Papst während seiner ersten Pilgerschaft nach Polen im Juni 1979. Ein Jahr später entstand die erste freie G...

Ich Europäerin

    Fot. UKIE     Wer bin ich eigentlich? Jahrelang war ich eine Osteuropäerin, dann, in den neunziger Jahren, erfuhr ich, dass ich eine Mitteleuropäerin bin, und seit kurzem nennt man mich «Neu-Europäerin». Dabei habe ich nie meine Heimat gewechselt - seit 42 Jahren lebe ich in Polen. Seit einem Jahr ist mein Land Mitglied der Europäischen Union.     Was ist die EU? Mit dem Begriff «Europa» habe ich ähnliche Schwierigkeiten wie Augustinus mit dem Begriff «Zeit» - wenn niemand danach fragt, weiss ich, worum es geht. Wenn jemand Genaueres wissen will, kenne ich keine Antwort. Zuerst bekam ich schöne mythologische Worte zu hören: Demokratie, Freiheit, Vaterland. Kurz danach vernahmen meine Ohren zeitgenössische Ausdrücke: Nettoempfänger, Nettozahler, Billiglohnländer. Nicht weniger attraktiv klangen einst «fraternité», «solidarité», «égalité». Heute werden diese Worte von anderen überdeckt - «acquis communautaire», «negotiations», «délocal...

Neue Wörter

Dieses Wort gab es damals in meinen Wörterbüchern nicht. Und doch hat es mein Leben verändert. Sechs oft gebrauchte Buchstaben, in einer einfachen Kombination angeordnet - «Streik». Auf Polnisch auch ähnlich - strajk . Ein Arbeiterstreik in einem Land, das verfassungsgemäss den Arbeitern und Bauern gehört?! Lange wollten die polnischen Kommunisten den Streik nicht wahrnehmen, noch länger - nicht preisgeben. Zuerst sprachen sie von «Arbeitspausen», in der Hoffnung, dass sechzig Tonnen zusätzliches Fleisch die Versorgung in Danzig verbessern und den Zorn mildern würden. Vergeblich. Da kam nämlich noch ein anderes Wort hinzu, das zwar nicht unbekannt war, aber nicht besonders geläufig. Elf Buchstaben, in melodische Silben gebunden - «Solidarität». Auf Polnisch ein bisschen schwieriger - solidarność . Die Kehlen der Genossen in Warschau und Moskau waren mit diesen Tönen überfordert. Zu Recht. Die Arbeiter der Danziger Werft haben 1980 ihre Gewerkschaft, die erste unabhängige in e...

Ältere Brüder

    Fot. EU    Ich bin ein Einzelkind. Trotzdem habe ich ältere Brüder. Ab und zu entdecke ich ihre Spuren selbst, und manchmal werde ich an sie erinnert. Wie das letzte Mal in Kazimierz Dolny, einem mittelalterlichen Städtchen an der Weichsel. Der bei polnischen Künstlern für seine malerische Lage und das Ambiente beliebte Ort zwischen Warschau und Lublin wurde diesmal zum Hintergrund für schwierige Themen.    «Braucht das Christentum den Judaismus?» hiess einer der Vorträge, die in Kazimierz Dolny gehalten wurden. Im Kuncewiczowka-Museum haben sich vor allem Jugendliche versammelt. Sie wurden vom dortigen Priester dahin geführt. Der Ausgangspunkt für eine geplante Diskussion waren das Buch von Johannes Paul II. «Erinnerungen und Identität» sowie der Begriff «ältere Brüder im Glauben», mit dem der verstorbene Papst die Juden bezeichnete.    Diesen Ausdruck gebrauchte zum ersten Mal Mitte des 19. Jahrhunderts Andrzej ...