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Es werden Posts vom März, 2017 angezeigt.

Reise an den Rand Europas - Andrzej Stasiuk

Kein polnischer Schriftsteller kokettiert so gekonnt mit der Rückständigkeit wie Andrzej Stasiuk . Keiner hat damit so viel Erfolg wie sein Hausverlag „Czarne“. Beheimatet in den Beskiden, dem abgelegenen südostpolnischen Karpatenfuss, erobern beide die Welt. Stasiuk mit seiner Mischung aus post-kommunistischem Industrierott, verquerer Bauernidylle und erträglichem Alkoholismus, seine Lebenspartnerin Monika Sznajdermann mit dem ambitionierten Belletristik- und Reportageprogramm des mehrfach preisgekrönten Kleinverlages. Fot. Wikipedia  Paul Flückiger Dabei stammen beide alles andere als aus der Provinz. Aufgewachsen in Warschau, dem Zentrum des zentralisierten Volkspolens, und umgeben von der dortigen Boheme – wie auch den kommunistischen Spitzeln - haben sie sich Mitte der Neunzigerjahre von der Grossstadt abgewandt. Monika Sznajdermanns Eltern, der Vater ein Ü berlebender des Warschauer Ghettos, verliessen Polen selbst nach den antisemitischen Exzessen von 1968 nic

Die Wiederauferstehung der jüdischen Gemeinden in Odessa

Vier Jahre faschistische Besatzung und sieben Jahrzehnte Sowjetunion haben das Judentum in Odessa zugrunde gerichtet. In letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Gemeindemitglieder dank Bildungsangeboten, Suppenküchen und viel Pragmatismus jedoch mehr als vervierfacht. Text und Fotos: Paul Flückiger, Odessa (2010) Vier junge Männer stehen zusammen und diskutieren heftig über ein Glaubensproblem. In den hinteren Bänken der Zentral-Synagoge von Odesssa haben derweil modern gekleidete Jugendliche in schwarzen Kipas ihre Gebetsbücher zum Studium aufgeschlagen. Aus dem Koscher-Laden in einem Seitenschiff dringt dumpfes Gemurmel, zwei Gläubige kaufen gerade ukrainische Milchprodukte und Fertiggerichte aus Israel ein. In der Sowjetzeit diente die 1850 im florentinischen Stil erbaute Synagoge an der Jewrejskaja ulitsa, der jüdischen Strasse, als Basketballhalle. Dann fand Rabbi Shlomo Baksht seinen Weg nach Odessa und die Stadtverwaltung gab das weitläufige Gebäude 1996 an die jü

Viel Wind in Polens Wachstumssegeln

Warschau - eine moderne Metropole Polen hat als einziges EU-Land seit vier Jahren andauernden Finanzkrise keine Rezession zu verzeichnen. Vor allem Polens Hauptstadt Warschau boomt . Das böse Sprichwort von der „polnischen Wirtschaft“ hat sich an der Weichsel umgekehrt. Polens Wirtschaft zeigt sich nicht nur krisenresistent, im europäischen Vergleich boomt sie geradezu. Noch ist die weit verbreitete Armut jedoch auch in Warschau sichtbar. Paul Flückiger , Warschau (2012) Das Segel wächst und wächst. Bald soll Warschaus neuerster Prachtbau, ein Glas-Betonpalast des Stararchitekten Daniel Libeskind, mit 251 Luxusappartements den stalinistischen Kulturpalast, das alte Wahrzeichen der polnischen Hauptstadt, von Westen her abschirmen. Nach einem kurzen Baustopp im Krisenjahr 2009 wird der im Volksmund als „Segel“ bezeichnete Wolkenkratzer seit fast zwei Jahren wieder unermüdlich in die Höhe gezogen. Unweit locken seit vier Jahren schon die von Architekten nicht weniger gelobte

Ungarns Sonderweg – demokratisch zur Demokratur

Seit dem überragenden Wahlsieg von Viktor Orbans Jungdemokraten (Fidesz) vor gut anderthalb Jahren hat sich das Land an der Donau zu einem europäischen Testfall für die bürgerlichen Freiheiten in Zeiten der Krise entwickelt.  Von Paul Flückiger (2012) „Ungarn droht die Errichtung einer Diktatur“, alarmieren 13 ungarische Ex-Dissidenten in einem Neujahrsbrief an die Nation. Gerade ist eine neue Verfassung in Kraft getreten, die Gewaltenteilung teilweise aushebelt, bürgerliche Freiheiten beschneidet. Und der Nationalbank erst noch die Unabhängigkeit nimmt. Dies trifft sich gut für Regierungschef Viktor Orban, denn das Land schlitterte Ende der Woche immer bedrohlicher dem Staatsbankrott entgegen. Doch endlich ist Brüssel erwacht und schlägt gehörig Alarm. Denn die Unabhängigkeit der Notenbanken ist der EU heilig. Dabei sollte mit Ungarn alles ganz anders kommen. „Heute beginnt für Ungarn eine neue Zeitrechnung“, hatte Orban im April 2010 siegestrunken in Budapest verkündet.

Ukrainische Juden organisieren die Verteidigung des Kiewer Maidan mit

Ukrainische Juden organisieren die Verteidigung des Kiewer Maidan Die Ansammlung Zehntausender von Wutbürgern im Zentrum von Kiew ist zum Pulverfass geraten. Auf die Opposition hört fast keiner mehr, doch Kriegsveteranen auf dem Maidan wollen ein Blutbad verhindern. Text und Fotos: Paul Flückiger, Kiew (2014) Nennen wir ihn Chaim, denn der Mann in der Lederjacke will zur Sicherheit incognito bleiben. Nach dem Scheitern der „orangen Revolution“ wollte er der Ukraine den Rücken kehren und nach Israel auswandern, doch nun ist er seit paar Jahren wieder zurück. „Der neue Protest auf dem Maidan liess mich kalt bis die ersten Schüsse auf wehrlose Demonstranten fielen“, erzählt der durchtrainierte Mann in einer Kaffeestube unweit des besetzten Stadtzentrums. Die Barrikade in dieser Gasse schmilzt dahin wie alle andern, doch Chaim erzählt, alle Schützwälle würden nun mit Sand verstärkt. „Alles lässt sich organisieren“, sagt Chaim und erzählt, wie er von der Strasse weg zum Anfüh

Der Spendeneifer lässt nach

In der Ukraine bricht die zivile Unterstützung für die im Donbass kämpfenden Truppen nach. Schuld sind Geldknappheit, Vertrauenskrise und gewöhnliche Abnutzung. Paul Flückiger, Truskawez Neben den Mineralquellen von Truskawez steht ein gepanzerter Lastwagen auf dem Kurplatz. Kinder haben die feldgrüne Ladefläche erklommen und feiern mit viel Gekreisch ihren Sieg. Gegenüber versucht die Bürgerorganisation „Drohobytsch SOS Armeehilfe“ die Erwachsenen zum Spenden zu animieren. Die Hülse eines grosskalibrigen Geschosses beschwert Postkarten mit einem poetischem Grundtext. Es genügt, Name, Telefonnummer und einen persönlichen Gruss an die ukrainischen Frontsoldaten im Donbass dazu zu schreiben und die Karte in einen selbst gebastelten Briefkasten zu werfen. Daneben steht die eine Spendenbüchse. Ein paar 20-Hrywna-Scheine liegen darin – umgerechnet je ein Franken. Das ist viel bei einem Mindestlohn von umgerechnet knapp 55 Franken im Monat. Doch das Ziel zwei Jeeps an die Front

Die Sehnsucht nach einer ganz normalen europäischen Ukraine

Vieles in der Ukraine gemahnt heute an die „orange Revolution“ von 2004. Doch eine neue, junge Generation mit weniger Illusionen demonstriert für EU und gegen Staatsmacht. Von Paul Flückiger (2013) Die Oppositionspolitikerin Lesja Oborets hat eine Vermisstenliste zusammen gestellt. Ende Woche enthielt sie noch 13 von einst 34 Namen. Vermisst werden nach der Gewaltorgie der Sondereinheit „Berkut“ in der Nacht von Freitag auf Samstag vor einer Woche auf dem Majdan vor allem Jugendliche. Die 16-jährige Marina T. zum Beispiel. Ihre Mutter Swetlana hatte sie am letzten Tag im November in der Stadt Browary im Osten von Kiew wie immer möglicht lieb verabschiedet. Vermisst wird auch die 18-jährige Lilja C. ebenfalls aus Browary. Von Lilja heisst es, sie sei am Sonntag noch einmal auf dem Majdan gesehen worden. Damals hatten rund 350000 wütende Bürger gegen die brutale Räumung des zentralen Unabhängigkeitsplatzes von den letzten paar Hundert demonstrierenden Studenten protestiert. Sie

Karel Schwarzenberg: "Havels Mut und seine Aufrichtigkeit machen ihn zum Vorbild"

Interview mit dem tschechischen Aussenminister und Vaclav Havels einstigen Kanzleichef Karel Schwarzenberg* Paul Flückiger, Warschau (2011) Paul Flückiger: Tausende haben diese Woche Vaclav Havel auf der Prager Burg sein letztes Geleit gegeben und sich im Kondolenzbuch eingetragen. Was bedeutet Havel den Tschechen? Karel Schwarzenberg: Vaclav Havel hat die Dissidentengruppe Charta77 und die verschiedenen Wiederstandsformen koordiniert und zum Sieg über das kommunistische Regime geführt. Mit der dadurch errungenen Freiheit wurde Tschechien die Würde wieder zurück gegeben. Vorher standen wir einem Unrechtsregime gegenüber, und niemand wusste, wie sich zu wehren. Havel aber hat den Prozess des Widerstandes erst in Bewegung gebracht. Schon allein das, gab uns Tschechen Würde zurück. - Viele Freiheitskämpfer wie Havel haben sich später als ungeschickte Politiker entpuppt. - Die Tätigkeit im Widerstand erfordert Mut, Charakterfestigkeit, Idealismus und Improvisationsga

Russenangst im Schatten von Kaliningrad

Im Dreiländereck zwischen Polen, Litauen und der russischen Enklave bereiten sich viele schon heute auf Putins nächste Invasion vor. Paul Flückiger, Kalvarija (2014) Gefährlich sei es hier oben an der Grenze zu Kaliningrad eigentlich nicht, erklären die grimmigen Sicherheitsbeamten im Schnellzug Warschau – Suwalki. Dennoch patrouillieren sie mit Schlagstock und Pistole am helllichten Tag in den fast leeren Wagen. Jan S. erzählt auf der Autofahrt ins angrenzende Litauen, es wäre natürlich besser, wenn in Suwalki eine Bürgerwehr auf die Russen wartete. „Putin würde sich einen Angriff dann wohl zweimal überlegen“, hofft der graumelierte fünffache Familienvater. Die Gründung von Bürgerwehren hatten politisch aktive Geschäftsleute in der 140 Kilometer entfernten polnischen Provinzhauptstadt Bialystok angeregt. Doch in Suwalki halten dies die meisten befragen Passanten für Wahlkampfgag. Rund 50 Kilometer sind es von hier zur russischen Enklave Kaliningrad, etwa halb so weit en

Rumäniens Wälder werden zum Spielball einer kartellorientierten Politik

Holzklau und Rodungen am Rande der Legalität bedrohen Ö kosystem und lokale Gemeinden. In Südrumänien hat bereits die Verwüstung eingesetzt. Die lückenhafte Umsetzung des Forstgesetzes sowie Korruption und niedrige Löhne drohen Rumänien seines Waldreichtums zu berauben. Die halb- und illegalen Waldrodungen zeigen vor den Parlamentswahlen Grundprobleme des EU-Staates auf. Paul Flückiger, Tirgu Mures (2012) Mihaly Bartha steht vor einen frischen Baumstumpf und wettert gegen die Geldsucht des Forstamtes. Ohne Konsultation mit den Einwohnern sollte hier der alte Mischwald radikal abgeholzt und durch Eichen ersetzte werden, sagt der bärtige Bürgermeister von Panet, einem mehrheitlich von Ungarn bewohnten Dorf 13 Kilometer südlich von Tirgu Mures (Neumarkt am Mieresch, ungarisch: Marosvasarhely) mitten in Transsilvanien. „Früher hat der Wald uns gehört, doch die Kommunisten haben ihn enteignet, und nach der Wende ging er einfach in Staatsbesitz über“, klagt Bartha, der Mitte Novem

Polnischer Drang nach Westen

In der Grenzstadt Stettin kehren sich die alten polnischen Ängste um. Immer mehr Polen kaufen heute Land und Häuser im nahen Deutschland.  Sie sind jung, mobil und arbeiten in Stettin. Ihre Häuser aber kaufen sie seit Einführung der Schengenzone immer häufiger auf der deutschen Seite. Die Polen erobern Meklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Paul Flückiger , Szczecin/Stettin (2010) Sie suchten eigentlich nur finanzierbaren Wohnraum. Heute lebt Dana Jesswein zusammen mit ihrem Mann im meklenburgischen Schwennenz, ein Kilometer von der Grenze entfernt. „Das Haus mit Umschwung konnten wir für den Preis einer Einzimmerwohnung im Stettiner Stadtzentrum kaufen“, schwärmt die junge Kulturanimatorin. Seit vier Jahren pendelt das Paar täglich nach Stettin (polnisch: Stettin). Nur 30 Minuten dauert die Fahrt mit dem Auto. In Deutschland sind sie nur zum Schlafen. Wie dem jungen Paar geht es Tausenden von Stettinern. Hier in Nordwestpolen verläuft die Staatsgrenze nicht mehr di

Polen bekommt einen neuen Heiligen - Priester Jerzy Popieluszko

Der Solidarnosc-Priester Jerzy Popieluszko wird am Sonntag selig gesprochen. Die katholische Kirche hat damit anerkannt, dass der anti-kommunistische Priester aus Polen mehr als ein politischer Aktivist war.   Paul Flückiger, Warschau (2010)   Wer Mitte der Achtzigerjahre unweit der Offizierssiedlungen der Polnischen Volksarmee die Stanislaw Kostka-Kirche besuchte, traute seinen Augen nicht. Über einem immer frisch mit Blumen geschmückten Grab konnte man Transparente und Insignien entdecken, die in ganz Polen verboten waren. Der Grabstein trug die schlichte Inschrift Priester Jerzy Popieluszko – 1947-1984. Bis zu einer halben Million Polen hatten an seinem Begräbnis teilgenommen. Statt einen Kritiker aus dem Wege zu schaffen, hatte sich das kommunistische Regime einen Martyrer geschaffen. Dem Geheimdienst, der den Priester 1984 ermordet hatte, blieb nur noch, die Besucher seines Grabes zu beschatten. Zu seiner Seligsprechung werden am Sonntag erneut Hunderttausende erw

Nun zündelt der Kreml auch in der Moldau

Die Krim-Krise bringt ein vergessenes Land ins Rampenlicht. Ähnlich wie die Ukraine will auch deren kleiner westlicher Nachbar Moldau das EU-Assoziationsabkommen unterzeichen. Moskau sucht dies mit allen Mitteln zu verhindern. Paul Flückiger, Warschau (2014) „Weg mit dem Faschismus!“ und „Nato schlimmer als Gestapo!“, skandierten diese Woche Demonstranten in Chisinau. Ihre Wut galt einem Nato-Informationszentrum in der moldauischen Hauptstadt. Und die Slogans kommen spätestens seit dem „Referendum“ auf der ukrainischen Halbinsel Krim bekannt vor. Dort wurde mit dem angeblich faschistischen Regierungswechsel in Kiew für den Anschluss an Russland geworben. Es erstaunt deshalb nicht, dass in Chisinau der kommunistische Jugendverband und die von Kreml finanzierte NGO „Eurasien - unser Mutterland“ den Protest organisierten. Wenige Tage zuvor hatte die Nato die Weltöffentlichkeit vor einer möglichen Ausweitung der Krim-Krise auf ein Land namens Moldau gewarnt. Eingezwängt zwisc

Nächtliches Todesurteil für Lenin

Poroschenko hat das Gesetz gegen totalitäre Symbole unterschrieben. Die Ukraine bricht damit radikal mit dem in Russland weiterhin gepflegten Sowjeterbe. Paul Flückiger, Warschau (2015) Der ukrainische Staatspräsident Petro Poroshenko hat in der Nacht zum Samstag vier umstrittene Gesetzesvorlagen unterschrieben, die einen völligen Bruch mit dem Sowjeterbe bedeuten. Ab sofort drohen für sowjetische und nationalsozialistische Propaganda bis zu zehn Jahre Haft. Ein weiteres Gesetz, sieht vor, dass ukrainische Patrioten, darunter auch anti-sowjetische Partisanen, die zeitweise mit Hitlers Besatzungsregime in der Westukraine kollabierten, künftig als Unabhängigkeitskämpfer geehrt werden. Zudem sollen endlich auch alle Archive der sowjetischen Repressionsapparate geöffnet werden. Unter das sofortige Verbot sowjetischer Propaganda fallen auch die vor allem in der östlichen Landeshälfte noch weit verbreiteten Leninstatuen sowie Monumente weiterer sowjetischer Revolutionshelden,

Mit Lust und Phantasie gegen Lukaschenkos Isolation

Wenige hundert Meter östlich der EU-Aussengrenze findet die Jugend im weissrussischen Brest trotz Diktatur immer wieder Schlupflöcher. Lust statt Frust bietet die Grunge-Metal-Band „Sciana“ – die Wand. Paul Flückiger, Brest (2013) Andrej, Ljocha und Zmitser trinken Paulaner. Die deutschen Bierflaschen mit den weissrussischen Zollvermerken stapeln sich auf dem Plastictablett. Im „Pit Stop“, einem angesagten Schnellrestaurant am Ostrand von Brest, fallen die drei jungen Männer vor allem deswegen auf, weil sie frei und nicht mit gedämpfter Stimme sprechen. Ljocha ist auch noch gepierced, nimmt den Kopfhörer selten ab und besonders fröhlich. Die drei Freunde machen seit nunmehr vierzehn Jahren ihre Stadt mit einem bunten Gemisch aus Punk, Jazz und Metal unsicher. Im wahrsten Sinn des Wortes, denn der Autokrat Aleksander Lukaschenko mag keine Rockmusik, wie Leadsänger Andrej Klimus berichtet. „Sciana“, Wand, nennen sie ihre Band. Das passt bestens zu Brest. Denn keine 500 Meter