Direkt zum Hauptbereich

Posts

„Satan, fahre heraus!“

In Polen haben Exorzisten wieder Konjunktur. Bei Kaffee und Kuchen erklärt Pater Slawomir Plusa, wie er Besessene vom Teufel befreit und auf was man als Exorzist dabei achten muss.  Von Paul Flückiger (2008)                                              Ein träger Sommerwind schleicht um die Kirche der Heiligen Hedwig. „Studentenpfarrei“ heisst es an dem schmiedeisernen Eingangstor; hohe Hecken schirmen das Gelände gegen die umliegenden Wohnblocks ab, eine Oase der Ruhe im Südwesten der Industriestadt Radom, 100 Kilometer von Warschau. Waffen hat man hier einst produziert, heute aber darbt die Industrie, dafür gibt es ein Technikum. Um die Studierenden kümmert sich Slawomir Plusa, seit Jahresbeginn zugleich Exorzist der Diözese. Plusa empfängt im kurzen Hemd mit einem kräftigen Handschlag und lädt in seine Dienstwohnung im Pfarrhaus. Den Kaffee ...

Polen mit Ansprüchen auf verschollenen Nazi-Goldzug konfrontiert

Schatzsucher wollen in Niederschlesien einen Zug aus dem Zweiten Weltkrieg lokalisiert haben. Mitte August 2016 soll die Suche offiziell beginnen.  Fot. Shutterstock Paul Flückiger , Danzig (2015) Der Jüdische Weltkongress hat die polnischen Behörden in der Nacht auf Samstag vorsorglich dazu aufgerufen, alle Eigentums- und Erbrechte künftig entdeckter Gegenstände zu achten. „Sie könnten von Juden gestohlen worden sein, die später in den Tod geschickt wurden“, sagte dessen Vorsitzender Robert Singer in New York. Bei den Gegenständen, die den WJC auf den Plan gerufen haben, geht es um Schätze aus einem legendären Nazi-Goldzug , den je ein Pole und ein Deutscher vor knapp zwei Wochen in der Nähe der niederschlesischen Grubenstadt Walbrzych (deutsch: Waldenburg) gefunden haben wollen. Ein Anwaltsbüro aus Wroclaw (Breslau) hatte darüber die Stadtbehörden informiert und im Namen der Finder auch gleich zehn Prozent des Schatzes gefordert. Polens oberster Denkmals...

Mit Jesus aus Warschau im Cafe

Viele Polen stimmen sich mit Passionsspielen auf Ostern ein. Eine Reportage aus dem  Warschauer Vorstädtchen Gora Kalwaria . Paul Flückiger , Warschau (2013) Jesus sitzt schon da. Er hat sich einen Cafe Latte bestellt und lächelt zufrieden. Der Bart sitzt immer noch gut, doch die langen Haare fehlen. „Das war doch eine Perücke“, lacht Jerzy Janiszewski. Vor drei Jahren hat im Warschauer Vorstädtchen Gora Kalwaria beim Osterpassionsspiel die Jesus-Rolle übernommen. Dutzende von Passionsspiele mussten dieses Jahr wegen Schnee und Stürmen abgesagt werden müssen. „Stattdessen fälschten wir die Geschichte etwas und traten alle in warmen Schuhen auf“, erklärt der junge Laiendarsteller. Die Inszenierung der letzten Lebensstunden von Jesus Christus hat in Polen lange Tradition . Im 17. und 18. Jahrhundert wurden in Polen auf Hügeln ganze Städtchen nach dem Vorbild Jerusalems errichtet. Auch Gora Kalwaria, zu deutsch Golgota-Hügel, gehörte dazu. Nach über 200 Jahren Pa...

Abfall-Revolution an der Weichsel

Um die EU-Recylingziele einzuhalten muss Polen in den nächsten sieben Jahren doppelt soviel Müll aufbereiten. Ein neues Gesetz soll die Mentalität ändern, doch es regt sich viel Widerstand. Fot. EC Paul Flückiger , Warschau (2013) Schmucke Holzvillen der letzten Jahrhundertwende und protzige neue Einfamilienhäuser mit mannshohen Zäunen wechseln sich entlang des Flüsschens Swider. Vögel zwitschern, es plätschert das Flüsschen. Doch die Idylle in der Gartenstadt Otwock gleich vor Warschau täuscht: Krähen weisen den Weg; an einer Böschung wird der Müll der Siedlung einfach hingeworfen. Tausende von wilden Abfallhalden gibt es in Polen . Laut Schätzungen landet rund ein Sechstel der polnischen Haushaltsabfälle auf illegalen Deponien. Der meiste Abfall wird immer noch einfach in der Erde vergraben, dem Recycling oder Kompost zugeführt wird gerade einmal 28 Prozent – weit weniger als im EU-Durchschnitt. Doch dies soll sich nun ändern. Bis 2020 muss laut Brüsseler Vorga...

Storch statt Adler als polnisches Wappentier

Noch leben in Polen über zehnmal mehr Störche als in Deutschland. Doch die Intensivierung der Landwirtschaft seit dem EU-Beitritt ist eine grosse Gefahr für die Zugvögel. Die Storchenpopulation nimmt seit ein paar Jahren wieder ab, nachdem in den Neunzigerjahren ein grosser Zuwachs gezählt wurde.  Fot. Wikipedia Paul Flückiger , Tykocin (2010) Storchennester soweit das Auge reicht. Sie nisten auf dem Pferdestall, der Birke im Garten des polnischen Landhauses. Im nahen, von einem Sturm gelichteten Wäldchen nisten gleich ein gutes Dutzend Paare, auf einem Baum sind gar drei Nester zu sehen. „Soviele Störche wie heuer hatten wir hier noch nie“, freute sich Bogdan Tyczolowski. 31 Paare nisteten sich im März auf seinem Grundstück ein. Sie haben  62 Jungstörche bekommen.  Bisher hatten jährlich um die 20 Storchenpaare bei ihm dem Sommer verbracht. „Seit dem EU-Beitritt wird auch bei uns in Polen viel mehr gedüngt als früher, deshalb weichen viele Störche ...

Bialowieza - Europas letzter Urwald

Im Nordosten Polens an der weissrussischen Grenze befindet sich der letzte Primärwald des europäischen Tieflandes. Über 8000 Jahre lang hat hier keine Menschenhand eingegriffen; Wolf, Luchs und Wisent finden einen Rückzugsraum. Doch der Bialowieza-Urwald ist in Gefahr. Fot. Wikipedia Von Paul Flückiger , Bialowieza (Polen) Ein öffentlicher Bus verbindet zwei mehrere Quadratkilometer grosse Waldlichtungen mit der Aussenwelt. In der ersten, Teremiski, findet man einige Häuser und einen kleinen Laden, vor dem Laden stehen ein Tisch und zwei Bänke. Hier hat sich der Briefträger mit einer Flasche Bier für eine Pause niedergelassen. Der Meinung des Fremden, dass er in einer ausnehmend schönen Gegend Dienst tue, stimmt er sofort zu, als das Gespräch allerdings auf die geplante Erweiterung des nahen Nationalparks kommt, verstummt der gesprächige Mann und sagt nach einer Weile: «Die einen meinen dies, die andern jenes.» In der nächsten Waldlichtung, Budy, helfen zwei Bauer...

Joseph Bochenski - Zitate

* JOSEPH BOCHENSKI (1902-1995) – polnisch-schweizerischer Philosoph und Dominikaner, ueber: - Gott und die Wissenschaft „Wer glaube, dass Gott die Welt geschaffen hat, braucht die Wissenschaft nicht zu fürchten. Ich bin ein ausgeprägter Rationalist, unter anderem deshalb, weil ich ein gläubiger Mensch bin.“ - Pazifismus „Meiner Meinung nach sind die Pazifisten für die Kriege verantwortlich. Sie rüsten die friedlichen Länder und Nationen ab, und in den kämpferischen dürften sie den Pazifismus nicht verbreiten.“ - Humanismus „Er ist ein Aberglaube! Die ganze Wissenschaft von der Astronomie bis zur Psychologie, widerspricht dieser Weltanschauung. Der Mensch ist nur ein Fragment des Alls, ein kleines Bruchstück des Lebens.“ - Religiös pluralistisches Europa „Wenn ein vereintes Europa entsteht, muss es pluralistisch sein, weder katholisch noch protestantisch, sondern religiös neutral.“ - Karol Marx „Marx hatte sein Ideal des Kampfes um die soziale Gerechtigke...

Joseph Bochenski: Für eine Kultur des rationalen Arguments

"Wer glaube, dass Gott die Welt geschaffen hat, braucht die Wissenschaft nicht zu fürchten. Ich bin ein ausgeprägter Rationalist, unter anderem deshalb, weil ich ein gläubiger Mensch bin - sagte Joseph Bochenski. - Die Wissenschaft ist voll von Widersprüchen, die aufzulösen sind – gemäss dem Sprichwort von Whitehead, dass „ein Widerspruch keine Katastrophe ist, sondern eine Gelegenheit. Nur Menschen schwachen Glaubens oder von kleinem Verstand fürchten sich vor der Wissenschaft. Der Glaube ist keine Verstandessache, man kann ihn nicht beweisen, aber wenn man bereit ist zu glauben, muss man seinen Verstand benutzen." Das Interview mit dem polnisch-schweizerischen Philosophen udn Dominikanern wurde 1992 gef ü hrt, doch bleiben Bochenskis Aussagen auch heute aktuell.  - Als Wissenschaftler und Geistlicher verbinden Sie in Ihrer Arbeit Glauben und Wissenschaft. Was für ein Verhältnis besteht zwischen beiden, anscheinend widersprüchlichen Bereichen des menschlichen Le...

Saxophon in Podolinec, Slovakia

Wunderschoene  #Saxophon  Toene aus einem kleinen bescheidenen Roma-Haus - unerwartet waehrend eines Spaziergangs durch Podolinec in der  #Slowakei . ReisenOnline

Neue Wörter

Dieses Wort gab es damals in meinen Wörterbüchern nicht. Und doch hat es mein Leben verändert. Sechs oft gebrauchte Buchstaben, in einer einfachen Kombination angeordnet - «Streik». Auf Polnisch auch ähnlich - strajk . Ein Arbeiterstreik in einem Land, das verfassungsgemäss den Arbeitern und Bauern gehört?! Lange wollten die polnischen Kommunisten den Streik nicht wahrnehmen, noch länger - nicht preisgeben. Zuerst sprachen sie von «Arbeitspausen», in der Hoffnung, dass sechzig Tonnen zusätzliches Fleisch die Versorgung in Danzig verbessern und den Zorn mildern würden. Vergeblich. Da kam nämlich noch ein anderes Wort hinzu, das zwar nicht unbekannt war, aber nicht besonders geläufig. Elf Buchstaben, in melodische Silben gebunden - «Solidarität». Auf Polnisch ein bisschen schwieriger - solidarność . Die Kehlen der Genossen in Warschau und Moskau waren mit diesen Tönen überfordert. Zu Recht. Die Arbeiter der Danziger Werft haben 1980 ihre Gewerkschaft, die erste unabhängige in e...

Kazik Ratajzer – Aufstandsheld im Schatten

Portrait eines der letzten noch lebenden Kämpfers des Warschauer Ghetto-Aufstandes. Fot. Yadvashem.org Paul Flückiger, Warschau „Mein Aussehen hat mir das Leben gerettet“, sagt Symcha Ratajzer-Rotem, von seinen Freunden kurz und auf gut polnisch „Kazik“ genannt. Der 89-jährige ist Ehrengast der Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstandes von heute Freitag. Der israelische Staatspräsident Simon Peres musste seine Teilnahme kurzfristig absagen, doch „Kazik Ratajzer“ ist laut einer Sprecherin des Warschauer Rathauses trotz seines hohen Alters bereits angereist. Aufgewachsen im proletarisch geprägten Warschauer Stadtteil Czerniakow konnte Ratajzer dank seines nicht-jüdischen Aussehens und typischen Warschauer Gossendialekts während der deutschen Besatzungszeit auf der so genannten „arischen“ Seite ausserhalb des Ghettos nicht nur untertauschen, sondern sich in der Stadt ausgerüstet mit gefälschten Papieren ziemlich frei bewegen.  Bereits 1941 ...